Wissenschaftliches Coaching für qualitative Interviews

Experteninterview - Planung, Durchführung und Auswertung
Experteninterview - Planung, Durchführung und Auswertung

Experteninterviews – von der Auswahl geeigneter Interviewpartner bis zur Auswertung

Experteninterviews zählen zu den am häufigsten eingesetzten qualitativen Erhebungsmethoden in Hausarbeiten, Seminararbeiten, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten und Dissertationen. Sie ermöglichen den Zugang zu spezialisiertem Fachwissen, beruflichen Erfahrungen und praxisbezogenen Perspektiven, die häufig nicht oder nur teilweise in wissenschaftlicher Literatur verfügbar sind.


Was ist ein Experteninterview?

Ein Experteninterview ist eine qualitative Erhebungsmethode, bei der Personen befragt werden, die aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit, ihrer Funktion oder ihres spezifischen Erfahrungswissens über besondere Kenntnisse zum Forschungsgegenstand verfügen.

 

Ziel eines Experteninterviews ist es, Informationen, Einschätzungen und Erfahrungen zu gewinnen, die zur Beantwortung der Forschungsfrage beitragen. Im Mittelpunkt steht dabei weniger die Person selbst als vielmehr ihr Wissen über bestimmte Prozesse, Strukturen oder Handlungsfelder.

 

Experteninterviews zählen zu den leitfadengestützten Interviewformen und werden insbesondere dann eingesetzt, wenn Expertenwissen, berufliche Erfahrungen oder organisationsbezogene Perspektiven erhoben werden sollen.


Forschungsansatz und Forschungsdesign

Experteninterviews werden überwiegend im Rahmen qualitativer Forschungsdesigns eingesetzt. Sie eignen sich insbesondere dann, wenn subjektive Erfahrungen, berufliche Perspektiven, organisationsbezogene Prozesse oder spezifisches Fachwissen untersucht werden sollen.

 

Die Wahl des Forschungsansatzes sollte stets aus der Forschungsfrage und dem Erkenntnisinteresse der Untersuchung abgeleitet werden. Sie beeinflusst unter anderem die Entwicklung des Interviewleitfadens, die Auswahl der Interviewpartner sowie die spätere Auswertung der Daten.

 

Explorativer Forschungsansatz:

Ein explorativer Forschungsansatz eignet sich insbesondere dann, wenn ein Themenfeld vertieft erschlossen und neue Erkenntnisse gewonnen werden sollen. Im Mittelpunkt stehen das Verstehen subjektiver Erfahrungen, Perspektiven und Zusammenhänge.

Deskriptiver Forschungsansatz:

Deskriptive Forschungsansätze dienen vor allem der systematischen Beschreibung von Erfahrungen, Einstellungen, Handlungsweisen oder organisationalen Prozessen. Ziel ist es, ein Phänomen möglichst differenziert darzustellen und dessen zentrale Merkmale herauszuarbeiten.

Explanativer Forschungsansatz:

Explanative Forschungsansätze zielen darauf ab, Ursachen, Zusammenhänge und Wirkmechanismen zu erklären. Im Mittelpunkt steht die Frage, warum bestimmte Phänomene auftreten und welche Einflussfaktoren dabei eine Rolle spielen.

Evaluativer Forschungsansatz:

Evaluative Forschungsansätze kommen häufig dann zum Einsatz, wenn Programme, Maßnahmen, Interventionen oder organisatorische Prozesse untersucht und bewertet werden sollen.



In der qualitativen Forschung lassen sich diese Ansätze jedoch nicht immer eindeutig voneinander trennen. Häufig werden beispielsweise qualitativ-deskriptive Forschungsdesigns mit explorativen Elementen kombiniert, um sowohl bestehende theoretische Erkenntnisse aufzugreifen als auch neue Aspekte aus dem Datenmaterial herauszuarbeiten.

 

Ein schlüssiges Forschungsdesign bildet die Grundlage für die Auswahl geeigneter Interviewpartner, die Entwicklung des Interviewleitfadens sowie die spätere Auswertung und Interpretation der erhobenen Daten.


Stichprobe und Auswahl der Interviewpartner

Die Auswahl geeigneter Interviewpartner stellt einen zentralen Bestandteil qualitativer Forschungsprojekte dar. Anders als in quantitativen Untersuchungen erfolgt die Auswahl in der Regel nicht zufällig, sondern gezielt anhand fachlicher Kriterien. Anders als in quantitativen Studien steht bei qualitativen Forschungsprojekten nicht die statistische Repräsentativität, sondern die inhaltliche Relevanz der ausgewählten Fälle im Vordergrund.

 

Die erforderliche Anzahl an Interviews hängt unter anderem von der Forschungsfrage, der Heterogenität der Stichprobe sowie dem Erkenntnisinteresse der Untersuchung ab.

 

Häufige Fragestellungen sind:

  • Wer eignet sich als Interviewpartnerin oder Interviewpartner?
  • Wie viele Interviews werden benötigt?
  • Welche Einschlusskriterien sollten berücksichtigt werden?
  • Wann gilt die Anzahl der Interviews als ausreichend?

Je nach Forschungsfrage kommen unterschiedliche Sampling-Strategien zum Einsatz:

 

Purposive Sampling (gezielte Fallauswahl): 

Beim Purposive Sampling werden Interviewpartner gezielt ausgewählt, weil sie über relevantes Wissen, besondere Erfahrungen oder spezifische Kenntnisse zum Untersuchungsgegenstand verfügen. Die Auswahl erfolgt bewusst und orientiert sich an der Forschungsfrage.

Kriteriengeleitete Auswahl:

Bei der kriteriengeleiteten Auswahl werden bereits im Vorfeld konkrete Auswahlkriterien festgelegt. In die Untersuchung werden ausschließlich Personen einbezogen, die diese Kriterien erfüllen.

Theoretisches Sampling:

Das theoretische Sampling wird insbesondere im Rahmen der Grounded Theory eingesetzt. Im Gegensatz zu anderen Sampling-Verfahren wird die Stichprobe während des Forschungsprozesses schrittweise erweitert. Die Auswahl weiterer Interviewpartner erfolgt auf Grundlage bereits gewonnener Erkenntnisse, um aufkommende Kategorien weiter zu vertiefen und theoretisch zu präzisieren.

Schneeballverfahren:

Beim Schneeballverfahren werden bereits befragte Personen gebeten, weitere potenzielle Interviewpartner vorzuschlagen. Dadurch können insbesondere schwer erreichbare Zielgruppen oder Personen mit spezifischem Expertenwissen identifiziert werden.



Die Wahl der Sampling-Strategie sollte stets nachvollziehbar begründet und an der Forschungsfrage ausgerichtet werden.


Entwicklung eines Interviewleitfadens

Der Interviewleitfaden bildet die Grundlage für die Durchführung eines Experteninterviews. Ziel ist es, einen strukturierten Gesprächsrahmen zu schaffen und gleichzeitig genügend Offenheit für individuelle Erfahrungen und Einschätzungen zu ermöglichen.

 

Experteninterviews werden häufig als leitfadengestützte beziehungsweise teilstrukturierte Interviews durchgeführt. Diese ermöglichen eine Vergleichbarkeit der Interviews und bieten gleichzeitig genügend Raum für individuelle Erfahrungen, Einschätzungen und Vertiefungen.

 

Ein Interviewleitfaden umfasst häufig:

  • Aufwärmfragen
  • Thematische Hauptblöcke
  • Vertiefungs- und Nachfragen
  • Abschlussfragen

Die Entwicklung des Leitfadens erfolgt idealerweise auf Grundlage der Forschungsfrage sowie der theoretischen Vorüberlegungen der Arbeit.


Probeinterview und Leitfadenprüfung

Vor Beginn der eigentlichen Datenerhebung kann die Durchführung eines Probeinterviews sinnvoll sein. Dadurch lassen sich Verständlichkeit, Reihenfolge und inhaltliche Passung der Interviewleitfragen überprüfen. Ein Probeinterview ermöglicht es somit, den Interviewleitfaden vor der eigentlichen Untersuchung zu optimieren und mögliche Schwierigkeiten frühzeitig zu erkennen


Durchführung von Experteninterviews

Für die Qualität der erhobenen Daten ist eine sorgfältige Vorbereitung und Durchführung der Interviews entscheidend. Experteninterviews können persönlich, telefonisch oder digital über Videokonferenzsysteme durchgeführt werden.

 

Dabei spielen unter anderem folgende Aspekte eine Rolle:

  • Kontaktaufnahme und Terminvereinbarung
  • Einverständniserklärung
  • Datenschutz
  • Gesprächsführung
  • Dokumentation
  • Audioaufzeichnung

Eine offene Gesprächsatmosphäre und gezielte Nachfragen tragen häufig dazu bei, besonders aussagekräftige Informationen zu gewinnen.


Transkription von Experteninterviews

Für die Transkription werden häufig festgelegte Transkriptionsregeln verwendet, beispielsweise nach Dresing und Pehl, Kuckartz oder Lamnek und Krell.

 

Bei Experteninterviews wird häufig eine vereinfachte bzw. inhaltlich-semantische Transkription verwendet, da der Fokus auf den fachlichen Inhalten und nicht auf sprachwissenschaftlichen Aspekten des Gesprächs liegt. Narrative Interviews hingegen erfordern oftmals eine detailliertere Transkription, da die Art und Weise des Erzählens selbst Gegenstand der Analyse sein kann.

 

Die Auswahl der Transkriptionsform sollte stets an der Forschungsfrage sowie an der gewählten Auswertungsmethode orientiert sein.


Auswertung von Experteninterviews

Im Anschluss an die Durchführung und Transkription der Interviews wird das erhobene Datenmaterial ausgewertet. Vertiefende Informationen zur qualitativen Inhaltsanalyse, Kategorienbildung, Kodierleitfäden, Ankerbeispielen sowie zu den Ansätzen nach Mayring und Kuckartz findest du auf meiner Seite zur qualitativen Inhaltsanalyse.


Meine Unterstützung bei qualitativen Interviews und Forschungsprojekten

Qualitative Forschungsprojekte erfordern zahlreiche methodische Entscheidungen – von der Auswahl geeigneter Interviewpartner über die Entwicklung eines strukturierten Interviewleitfadens bis hin zur Transkription, Auswertung und wissenschaftlichen Dokumentation der erhobenen Daten.

 

Gerne unterstütze ich dich bei der Planung, Durchführung und Auswertung qualitativer Erhebungen sowie bei der methodisch fundierten Aufbereitung deines Forschungsvorhabens. Dabei begleite ich Studierende und Forschende unter anderem bei Experteninterviews, narrativen Interviews, problemzentrierten Interviews, Gruppendiskussionen oder Dokumentenanalysen.

 

Du möchtest dich zu deinem qualitativen Forschungsvorhaben austauschen oder hast Fragen zu einzelnen methodischen Schritten? Gerne nehme ich mir Zeit für ein unverbindliches Erstgespräch. Gemeinsam besprechen wir dein Anliegen und mögliche Unterstützungsangebote.

 

Ich freue mich auf deine Kontaktaufnahme.